Erinnerungen des letzten Dorfschul-Lehrers

Schon vor Gründung der Feuerwehr im Januar 1933 und vielen anderen Ereignissen gab es in Höwisch eine Schule. Als letzter Dorflehrer unterrichtete hier Erhard Fölsch acht Jahre lang, von 1971 bis 1979. Zur 700-Jahrfeier des Ortes im Mai 2012 war der letzte in Höwisch tätige Dorflehrer im Festumzug zu erleben – an seiner Seite natürlich „seine“ Schulkinder, die wie die begleitenden Elternvertreter zeitgemäß im Stil der 1970er Jahre gekleidet waren. Anlässlich des Jubiläums beklagte Erhard Fölsch die seinem Empfinden nach bereits in Vergessenheit geratene Schulzeit: „Ich konnte in meiner damaligen Tätigkeit als Lehrer in der Dorfschule Höwisch nicht ahnen, dass ich einstmals auf die Existenz dieser wichtigen Einrichtung des Dorfes aufmerksam machen müsste. Die ehemaligen Einwohner, die Bürgermeister, Pfarrer und Lehrer müssen im Zuge der Geschichtsaufarbeitung erwähnt werden, weil sie sich alle um die Schule bemüht hatten.“ Und so schrieb Erhard Fölsch seine Erinnerungen als Dorflehrer nieder: „Mein bescheidener Nachtrag zur Chronik des Dorfes Höwisch“ …

In Höwisch gab es schon länger eine Schule als in vielen anderen Orten des Umlandes. Leider sind bei einer großen „Säuberungsaktion“ im Bürgermeisteramt um 1978 viele alte Schuldokumente entsorgt worden, die für die Geschichtsschreibung wichtig gewesen wären. Eine Akte aus dem Jahre 1905 konnte ich selbst retten und 2010 an Herrn Packebusch übergeben. Sie war voller Bittschriften an den einstigen Landrat Herrn von Jagow. Dabei ging es hauptsächlich um Gelder für die Renovierung der Toiletten und andere Werterhaltungsmaßnahmen in der Schule.

Schon damals musste um Geld für den Erhalt einer Schule gekämpft werden. Dabei war der Aufwand an Bittschriften, Antworten und Genehmigungen meist größer, als der Erlös von ein paar Talern für die bessere Ausstattung der Unterrichtsstätten.

Wann die Höwischer Schule erbaut wurde, wie sie genutzt wurde, welche Lehrer dort tätig waren, konnte ich in der Kürze der Zeit nicht ermitteln. Ich kenne nur die Namen meiner Vorgänger. Das waren der Lehrer Bockenkamm und Frau Behrens.

„Zwei Jahre war mein Trabant gleichzeitig der Schulbus“

1971 wurde ich als Lehrer in der Schule eingesetzt. Zu diesem Zeitpunkt war sie nur noch eine Außenstelle der Polytechnischen Oberschule (POS) Leppin mit einer Klasse. Im Wechsel mit der Außenstelle in Neulingen wurden hier in Höwisch jeweils nach Beendigung der zweiten Klasse neue Schüler eingeschult, weil nach der dritten bis zur nächsten Klasse die Schüler aus Leppin, Genzien, Gestien, Harpe, Zehren, Gagel, Neulingen und Höwisch in Leppin beschult wurden. Die Schülerzahlen schwankten zwischen 10 und 20 Kindern. Meine direkten Vorgesetzten waren die Schulleiter der POS Leppin, Herr Küstermann und Herr Buchholz.

Nach der sechsten Klasse fuhren die Schüler aus Leppin zur POS Seehausen, POS Arendsee oder zur POS Lückstedt. Mit der Schaffung einiger neuen Klassenräume und eines neuen Sanitärtraktes in Leppin wurde die Schule in Höwisch schließlich geschlossen. Die Schule in Neulingen blieb als Außenstelle erhalten. Dort wurde ich dann als Lehrer eingesetzt.

Für zwei Jahre, als in Neulingen nur fünf Schüler eingeschult wurden, war mein Trabant auch gleichzeitig der Schulbus.

Gemeinsam mit meinen Zöglingen fuhr ich nach der zweiten oder vierten Unterrichtsstunde in die Schule nach Leppin. Jede Fahrt mit den Kindern war ein besonderes Erlebnis. Ich hatte zwar kein Autoradio im Trabi. Aber Musik erklang immer, denn es wurde gesungen, geklatscht und viel gelacht.

Meine Zeit als Lehrer in Höwisch begann mit einer kleinen Objektbesichtigung in der letzten Ferienwoche 1971. Was erwartete mich in der neuen Umgebung? Mitten im Dorf stand ein sehr sauberes und gepflegtes Schulhaus mit der Berücksichtigung eventueller Überschwemmungen. Der Hochparterre-Fachwerkbau hatte in der Mitte eine sehr schöne Treppe mit einer breiten Eingangstür. Links von der Eingangstür war die ehemalige Lehrerwohnung und rechts der einzige Klassenraum, der wunderbar mit Verzierungen ausgestattet war. Der Nebeneingang an der Nordseite verfügte über eine innenliegende überdachte Treppe, die den Schülern bei Regen und Wind auch als kleiner Unterstand diente. Der Klassenraum war mit modernen Möbeln und entsprechenden Hilfsmitteln – Tafel, Rechengerät und Buchstabentafel – ausgestattet. An der einen Seite war ein Heißluftofen, der von der Hausmeisterküche (ehemals Lehrerküche) beheizt werden konnte. Außerdem gab es unter jedem Fenster noch Heizkörper der Zentralheizung. Der Unterricht im Winter war somit gesichert. Der kleine Schulhof reichte für die Kinder zum Spielen, und die sanitären Einrichtungen entsprachen den damaligen Anforderungen.

„Habe in Höwisch das Licht ausgemacht“

Eine Scheune mit Stallungen erinnerte an vergangene Zeiten, als die Lehrer noch einen Teil ihres ländlichen Dienstes zur Verbesserung ihres Lebens mit Ackerbau und Viehzucht verbringen mussten. Rings um die Schule befanden sich das Pfarrhaus und die Kirche, die Feuerwehr und das Gemeindebüro. Gegenüber der Schule standen wunderschöne große Eichen, die mir später als nutzbringende Pausenbeschäftigung dienen sollten. Bei meiner kurzen Erstbesichtigung waren schnell Nutzen und Verwendbarkeit dieser Objekte für meine spätere Arbeit gefunden.

Ich durfte und konnte wieder in einer Dorfschule arbeiten. Dieses Gefühl kann nur jemand nachempfinden, der sich für das urige Landleben begeistern konnte und sich auch noch etwas persönliche Freiheit im täglichen Einerlei bewahren wollte. Obwohl ich nur als Lehrer in Höwisch tätig war, kannte ich alle Einwohner. Viele Frauen und Männer nutzten in den Pausen ihren Weg zum Einkauf im Konsum, um an der Schule vorbei zu kommen und das Lachen der Kinder zu hören oder mit dem Lehrer einen kleinen Plausch zu machen.

Brauchte man Hilfe, dann gab es keine großen Schwierigkeiten. Selbst Traktoren und Anhänger bekam ich für Altstoff-Sammlungen. Die Kinder halfen dafür beim Nachlesen der Kartoffeln oder sammelten Eicheln und Kastanien für die Jäger. Bei vielen Dorffesten sang unser kleiner Kinderchor.

Man lernt nie aus. So lernte ich vom ehemaligen Bürgermeister Alwin Arnds, dass Hühner durch Quark zu einer höheren Eierproduktion gelangen. Herr Arnds fütterte seine Tiere nämlich mit abgepacktem Quark und sammelte hinterher nur die leeren Verpackungen ein.

Nach acht erlebnisreichen und meist friedvollen Jahren kann ich nur sagen: Ich war der letzte Lehrer der Schule in Höwisch und habe dort das Licht ausgemacht!

Höwisch mit seiner durchgehenden Dorfstraße war für den Standort einer Schule ideal. Schon bei den täglichen Busfahrten über Gagel, Neulingen nach Leppin oder morgens von Leppin nach Höwisch gab es viel zu beobachten. Die Kinder sahen das Wild auf den Feldern oder am Straßenrand, die Tiere auf den Wiesen oder die Menschen bei ihrer Arbeit. Priemern, die ehemalige Gärtnerei des Gutes, oder Zehren mit der Kirche auf dem kleinen Berg waren wunderbare Wanderziele, die ohne große Vorbereitung angelaufen werden konnten und für die Kinder bleibende Erinnerungen boten.

Viele Schulfeste der POS Leppin wurden in Höwisch gefeiert. Inzwischen weiß ich auch warum. In Höwisch fühlten sich die Leute sehr mit ihrer Schule verbunden. Und genau wie die Kinder die Leute im Dorf beobachteten, so hatten die Erwachsenen immer ein Auge auf ihre Schule gerichtet. Viele Situationen im Unterricht oder bei Wanderungen sind den Kindern und mir in guter oder amüsanter Erinnerung geblieben. Über einige davon kann ich heute noch berichten. Bei anderen wiederum muss ich meine Schweigepflicht als Lehrer vorschieben, damit der gute Ruf unserer Schule nicht nachträglich Schaden erleidet. Es gab nicht nur Ereignisse, die die Schüler verzapft hatten, sondern auch solche, bei denen der Lehrer (also ich) für die Schüler den Grund für ein herzhaftes Lachen lieferte. So auch im kalten Winter 1973/1974. Unser Heißluftofen glühte wie immer, weil Frau Werth ihn gut beheizt hatte. Im Unterricht war das Thema „Brandschutz“ gerade aktuell. Dabei ging es auch um das Trocknen winternasser Kleidung an Öfen und Backröhren – wegen der Brandgefahr und des gehörigen Abstandes zu diesen Heizquellen. Von einem warmen Platz am warmen Ofen unterrichtete ich im Stehen meine Klasse. Eine unvergessene Stunde lief für uns alle ab. Die Mitarbeit war einmalig und der Schluss der Stunde auch. Ich begab mich gerade zur Tafel für ein paar Notizen, als aus der Klasse der Ruf erschallte: „Herr Fölsch, Ihr Jackett ist versengt!“ „Wer kein Anschauungsmaterial hat, muss es eben selbst herstellen“, entgegnete ich und versuchte mich so aus der misslichen Situation zu retten. Den Merksatz an der Tafel konnte ich mir sparen. Noch heute wird sich diese damalige Klasse daran erinnern.

Zwei Jahre nach der 700-Jahr-Feier in Höwisch – fast auf den Jubiläumstag genau, am 16. Mai 2014, starb der letzte Dorflehrer von Höwisch im Alter von 76 Jahren. Seine letzte Ruhestätte fand Erhard Fölsch auf dem Friedhof in Arendsee (Altmark).